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Familienbildung Hamburg - Bildung Begegnung Beratung Begleitung

Geschichte der Familienbildung

 

Von der bürgerlichen Kleinfamilie zur doing familiy 

Eine Zeitreise 

Anlass: 50 Jahre Evangelische Familienbildung in Harburg – 23. Juni 2017 

Käthe Stäcker (Referentin für Diakonie und Bildung) 

und Daria Wolf (Leiterin Evangelische Familienbildung Harburg)

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Einführung

Wir feiern heute 50 Jahre Familienbildung in Harburg. Und begeben uns auf eine Zeit-reise. In den letzten 5o Jahren haben sich unser Leben in den Familien und unsere Vorstellungen davon, was Familie eigentlich ist, extrem verändert - und damit auch das, was Familienbildung eigentlich ist und will. Frau Wolf und ich werden Sie in dieser kleinen Zeitreise begleiten. 

Ich werde in einigen Stichworten an die wechselnden Familienbilder der vergangenen 5 Jahrzehnte erinnern und Frau Wolf wird anhand von Fotos und Texten aus der Geschichte der Familienbildung in Harburg zeigen, wie das Selbstverständnis und die Programme der Familienbildung sich entwickelt und auch verändert haben und auch - welche Personen und welche Ereignisse dabei wichtig waren. 

 

1945 – 1970
„Die kleinbürgerliche Familie ist der natürliche Wirkungskreis der Frau“ 

Alles begann hier 1967 mit einem ganz anderen Namen – „Mütterschule“. 

Darin spiegelt sich noch ganz das Familien- und Frauenbild der 50er und 60er Jahre. 

Nach Kriegsende gab es zunächst eine dramatische Zeit, die gekennzeichnet war durch Zerstörung bzw. Unvollständigkeit der Familien. Söhne, Brüder, Ehemänner, Väter waren im Krieg getötet worden, andere waren über Jahre in Gefangenschaft oder galten als vermisst. Bombennächte, Flucht und Vertreibung hatten viele Fami-lien auseinandergerissen und waren gerade für Frauen und Kinder oft mit schwersten Gewalterfahrungen verbunden. 

Sie alle: Frauen, Männer und Kinder waren durch Faschismus und Krieg physisch und psychisch verletzt, verstört und oft genug schwer traumatisiert. 

Vielleicht haben diese Erfahrungen - verbunden mit der Nichtbearbeitung und Ver-drängung des Faschismus, der kollektiven Judenvernichtung und den Kriegserlebnis-sen - dazu geführt, dass es in 50er Jahren zu einer Hochphase und Idealisierung der bürgerlichen Kleinfamilie kam – wie übrigens nie zuvor und nie danach. 

Die Frauen – in den Nachkriegsjahren noch ganz aktiv in der Arbeitswelt und am Wie-deraufbau beteiligt – wurden auch durch familienpolitische Maßnahmen in den 50er Jahren wieder aus dem Arbeitsleben verdrängt. Das Familienbild der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte Jahren beschwor eine Idylle, beschränkt auf die 2-Generationenkleinfamilie im eigenen Häuschen. Der Vater war Oberhaupt und Ernäh-rer, die Mutter erzog die Kinder und führte den Haushalt. Presse, Werbung, Rundfunk und auch das Fernsehen unterstützten dieses Bild. Viele von uns erinnern sich an die weiße Persil- und an die glückliche Rama-Familie. 

In einem „Handbuch für die gute Ehefrau“ von 1955 heißt es denn auch bezeichnen-der Weise: 

„Halten sie das Abendessen bereit. Planen sie vorausschauend, damit die köstliche Mahlzeit rechtzeitig fertig ist, wenn er nach Hause kommt. So zeigen sie ihm, dass sie an ihn gedacht haben und dass ihnen seine Bedürfnisse am Herzen liegen. Die meis-ten Männer sind hungrig, wenn sie nach Hause kommen und die Aussicht auf eine warme Mahlzeit (besonders auf seine Leibspeise) gehört zu einem herzlichen Emp-fang, so wie man ihn braucht.“ 

Die Familie galt als der natürliche Wirkungskreis der Frau und Mutterglück erschien als das schönste Glück. Berufstätige Mütter werden deshalb als „Rabenmutter“ be-schimpft, deren Kinder arme „Schlüsselkinder“ sind. Uneheliche Kinder und deren Mütter – nicht deren Väter - werden stigmatisiert. 

Die Mutterideologie des Faschismus wirkt stark nach. Der im Faschismus tonange-bende Ratgeber „ „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer er-schien schon 1945 (ausgerechnet in dem Evangelischen Laetare Verlag) nur leicht verändert wieder unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ Dieser Ratgeber mit seiner Millionenauflage prägte mit seinen Ratschlägen (z.B. das Baby ruhig schreien zu lassen, denn „dann - liebe Mutter werde hart“ und nimm es nicht auf den Arm und tröste es nicht … ) bis weit in die 70er Jahre ganze Generationen von Frauen und Müttern und Kindern. 

Kinder wurden zumeist autoritär (oft auch mit Körperstrafen) erzogen – es gab wenig bis kaum Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Erst 1973 wird die Körperstrafe an den Schulen in der BRD verboten, in der DDR übrigens schon 1949. 

Im Familienrecht galt das Patriarchat – z.B. bis 1957 formuliert der § 1352 des BGB „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffen-de Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung. Die Frau ist verpflichtet, der Entscheidung des Mannes Folge zu leisten.“ 

In den 60er Jahren eröffnet die weitere wirtschaftliche Entwicklung die ökonomi-schen Möglichkeiten der Familie. Moderne Haushaltsgeräte wie z.B. die Waschma-schine verändern und erleichtern die Haushaltführung. Ende der 60ziger beginnt die Bildungsexpansion die Rolle der Frauen und Mädchen in den Familien zu verändern. Die Pille ermöglicht Familienplanung und über Sexualität wird aufgeklärt. 

 

1945 – 1970 Die Mütterschule mit Angeboten für Frauen 

„Die heutigen Frauen bringen für ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter keine Kennt-nisse mit“. Dieser Satz wurde bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mütterschulen formuliert. Der Mangel an Kenntnissen sollte durch die Mütterschulen behoben wer-den. Frauen sollten für ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter geschult werden. Dafür wurden bereits Anfang des 20 Jahrhundert Mütterschulen gegründet. Die allererste Einrichtung entstand 1909 im Rheinland in Oberhausen. Sie hieß „Näh- und Handar-beitsschule“. Frauen wurden in ihrer traditionellen Rolle unterstützt. Der Mangel an Kenntnissen galt als persönliches Problem, das behoben werden musste. Und so gab es Unterricht in Handarbeit und Säuglingspflege. Die Lehrkraft war die wissende Per-son, die den unwissenden Frauen Fähigkeiten vermittelt hat. 

Schauen wir nach Hamburg: Hanna Schüssler wurde 1952 beauftragt, die Evangeli-sche Frauenarbeit aufzubauen. So begann unter ihrer Leitung die erste Mütterschule in Eppendorf am Loogeplatz 1959. Im gleichen Jahr wurde auch die katholische Müt-terschule eröffnet. Auf evangelischer Seite gab es dann noch weitere: 1964 Mütter-schule in Horn dazu, 1965 in Niendorf / Lokstedt und 1967 in Harburg. Es folgten noch Rahlstedt, Poppenbüttel und Blankenese. 

Die Trägerschaft in Harburg hatte zuerst der Evangelische Gesamtverband Harburg, später der Kirchkreis Harburg. Die ersten Kurse fanden in den Räumen der Paulusge-meinde in Heimfeld statt. Die erste Leiterin war Frau Dr. Helga Schäfer. Im ersten Jahr gab es bereits 35 Kurse mit 480 TN. Ein Jahr später, 1968 wurden neu gebaut: auf dem Gebäude des Kindergartens hier die obere Etage. 250m²: 2 Büros, eine Lehrkü-che, 1 Nähraum und ein Seminarraum. Das ist das Programmheft von 1970 – das äl-teste, das ich gefunden habe. Ich war überrascht, wie sehr es unserem Programm heute ähnelt: Hauptamtliche, Kursleitungen, Kurse zu festgelegten Zeiten und die Teilnehmergebühr: „Erziehung, Beschäftigung und Pflege des Kleinkindes, 4 x diens-tags 19.30-21.30 Uhr für 4 DM, Ehepaare zahlen 6 DM“ oder „Mütter und ihre 4-7 jähre Kinder singen, spielen und basteln. 8 Dienstage 10 – 12 Uhr“. 

1970 - 1990
„Gemeinsam sind wir stark“ – 

Aufbrüche in der Gesellschaft und das Ende der polaren Geschlechtsrollen - Kinder werden zu „eigenständigen Subjekten“ 

Die politischen und kulturellen Aufbrüche der 68er-Jahre verändern grundlegend das Rollenverständnis von Frauen, Kindern und z.T. Männern und damit auch von Fami-lien und Kindererziehung. 

Die Tabuthemen der traditionellen Kleinfamilie werden durch die Frauenbewegung erstmals öffentlich angesprochen. Das hat Konsequenzen für die geschlechtsspezifi-sche Rollen- und Arbeitsteilung von Frauen und Männern. Die damit verbundene Unterdrückung der Frauen wird durch den Feminismus und die Frauenbewegung radikal in Frage gestellt. 

Die verbreitete häusliche Gewalt und das Thema Vergewaltigung (und die niedrige Bestrafung der Täter – Aufklärungsquote 1977: 0,5% - 2017: 1 %) werden erstmals öffentlich angeklagt. Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen werden gegründet. Die Selbstbestimmung über den Körper der Frau wird „das“ große Thema in dem jah-relangen Protest um die Abschaffung des § 218 – eingeläutet durch die spektakuläre Aktion der Zeitschrift stern: „Ich habe abgetrieben“ von 1971. 

Und dann endlich auch der rechtliche Dammbruch: 

1976 wird durch die sozialliberale Regierungsmehrheit ein neues Ehe- und Familien-gesetz beschlossen, in dem das Leitmodell der sog. „Hausfrauenehe“ durch das Part-nerschaftsprinzip ersetzt wird. Die alleinige Entscheidungsgewalt des Mannes in der Familie, der Ehebruch als Straftatbestand und der sog. „Kuppeleiparagraph“ werden aufgehoben. Jetzt wird neu festgelegt: „Die Ehegatten regeln Haushaltführung in ge-genseitigem Einvernehmen. … Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein.“ Im Falle einer Scheidung wurde das bisherige Verschuldungsprinzip verworfen und durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt. Gewalt in der Ehe wird strafbar. (Allerdings gilt erst ab 1997 Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen.) 

Auch wird ab 1977 das Namensrecht der Ehegatten in verschiedenen Gesetzgebun-gen verändert. 

Verbreitet ist die Suche nach neuen Lebensformen. Es gibt eben mehr als die bürger-liche Kleinfamilie - z.B. die Kommune oder die Wohngemeinschaft – und vor es wird vermehrt unverheiratet zusammengelebt – auch mit Kindern. 

Dieser gesellschaftliche Wandel hat große Auswirkungen auch auf die Kindererzie-hung - die Impulse der antiautoritäre Kindererziehung, die praktischen Erfahrungen in der Kinderladenbewegung, die Erkenntnisse der Humanistischen Psychologie und der Psychoanalyse, die Demokratiebewegungen an den Schulen und Hochschulen verändern die bisherigen pädagogischen Konzepte grundlegend: Kinder werden erstmals als „eigenständige Subjekte“ mit eigenen Rechten gesehen. Väter fangen an, über ihre Rolle neu nachzudenken. Es beginnt der Ausbau der Kinderbetreuung über staatliche Gelder. 

Frauen und Männer haben erstmals den Mut, sich zu outen als Schwule und Lesben. Bis 1969 stand männliche Homosexualität generell unter Strafe – und erst 1994 wur-de der entsprechende § 175 endgültig abgeschafft. In den 80er Jahren setzt sich der Wandel der Geschlechterrollen fort. Die Frauenbe-wegung hat Auswirkungen in immer mehr gesellschaftliche Bereiche und verändert bei einer Mehrzahl der Frauen ihr Selbstverständnis. 

Bei den Männern dauert es offensichtlich länger. Der Soziologe Ulrich Beck bemerkte damals dazu: Zu beobachten ist bei den Männer zwar eine „verbale Aufgeschlossen-heit“ – die ist aber zu oft kombiniert mit einer „Starre im Verhalten“. 

So bleibt das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem ein Thema der Frauen und hat wenig arbeitspolitische Konsequenzen. Es ist mühsam, die über Jahr-hunderte gewachsenen patriarchalen Strukturen zu verwandeln und geht oft nur in ganz kleinen Schritten – gegen viel Widerstand. 

Neu ist: Das Verhältnis der Generationen rückt ins Blickfeld und Großeltern über-nehmen neue Rollen. Ein großes Thema wir die sog. „alternde Gesellschaft“ durch die steigenden Lebenserwartung. Noch ist die Altenpflege in der Familie in fast zu 100% Aufgabe der Frauen. 

 

1970- 1990 Familienbildungsstätten mit Angeboten für alle Familienangehörigen 

Für die Erziehung ist nicht nur die Mutter verantwortlich, es gehören mehrere Perso-nen dazu. Diese Erkenntnis führte zu einer Umbenennung. 1974 wurden bundesweit alle Mütterschulen zu Familienbildungsstätten. Das ist das Heft von 1974. Hier steht im Vorwort: „Die Familienbildungsstätte veranstaltet Kurse und Gesprächsabende für junge Ehepaare, Eltern, Mütter, Hausfrauen und junge Menschen. Sie will helfen, die Aufgaben, die uns die heutige Zeit in Ehe, Familie und Kindererziehung stellt, zu erfül-len.“ Erstmalig wurden die Väter und Männer mit einbezogen und speziell um sie ge-worben. 

Frauen und Männer werden nicht mehr einseitig auf ihre Rolle als Mutter oder Vater angesprochen, sondern als ganze Person. Es geht jetzt darum, die Familie als Ganzes in den verschiedenen Lebensphasen zu unterstützen. Es gibt Kurse zur Selbstfindung. Z.B. „Wer bin ich? Die Frage nach Selbstverwirklichung und Partnerschaft.“ Und Ge-sprächsabende „Die alleinstehende Frau und ihre Probleme“. 

Die Harburger Einrichtung wurde 1969-1980 von Frau Charlotte Stöß geleitet. Ab 1980 war die Leiterin Edeltraud Swoboda, geborene Müller. Ein Jahr später 1981 wurde eine Hebamme angestellt: Christa Kolmsee. 

Seitdem gab es dann zusätzlich Veranstaltungen für Eltern mit Kindern im Krabbelal-ter – die jüngsten waren 4 Monaten. Erstmalig wurden Lernziele formuliert: „Die pä-dagogischen Kurse lehren, die eigenen Kinder besser zu verstehen und wecken Ver-ständnis für die Bedürfnisse der Erziehenden.“ Die Kurse entwickelten sich rasant: 1970 gab es 19 Kursleitungen und 180 Veranstal-tungen pro Jahr. 1977 schon doppelt so viele: 50 Kursleitungen und 300 Kurse jähr-lich. Die Räume wurden zu knapp. In der Hölertwiete wurde gebaut: Das Haus der Kirche. 1982 zog die Familienbildungsstätte dorthin um. Die Räume wurden speziell dafür gebaut: ein Nähraum, mehrere Seminarräume, eine große Lehrküche und eine große Sporthalle im Untergeschoß. Insgesamt 750 m² - dort sind wir bis heute. 

 

1990 – 2017
Doing family oder das „Leben ist eine Baustelle“ 

Die individuelle Gestaltung des Familienlebens ist das herausragende Thema seit den neunziger Jahren bis in unsere Gegenwart: Familie muss aktiv und selbst gestaltet werden – auf Englisch heißt das: „Doing-familiy“ und in deutscher Soziologensprache spricht man von der „Herstellungsleistung der Familie in Zeiten der Entgrenzung“. 

Ich möchte diese Entwicklung an vier Punkten kurz konkretisieren: 

1. Die Normalbiografie ist eine „Bastelbiografie“: 

Wir erleben alle eine Absage an lebenslange Entwürfe, an ewige Bündnisse, an plan-bare Biografien - das gilt auch für Familien. Die traditionelle Familienkonstellation (Vater, Mutter, Kinder) schwindet zwar nicht, nach wie vor wachsen in dieser Konstel-lation die meisten Kinder auf - aber sie ist eine „Phase“ im Lebensentwurf – vorher und nachher sind auch andere Lebensformen wichtig. 

Die sozialen Netzwerke erhalten zunehmend mehr Bedeutung statt der Zweier-Partnerschaft. Und es gibt eine rasante Zunahme der dauerhaft kinderlosen Perso-nen. Es entstehen immer mehr Fortsetzungsfamilien mit oft komplizierten Bezie-hungsdynamiken für Eltern und Kinder. 

Es gibt also kein selbstverständliches Familienhandeln mehr. 

57 % aller Frauen arbeiten in sog. berufsatypischen Arbeitsverhältnissen (z.B. in ge-ringfügigen Beschäftigungen, in Kurz- oder Teilzeitarbeit), die ein ständiges aufrei-bendes Zeitmanagement mit den Bedarfen der übrigen Familienmitglieder erfordert 

Die Schattenseite dieser Entwicklung ist: Ständig Familie neu und individuell zu ge-stalten ist auch anstrengend und oft überfordernd („burn out“ der Mütter und Väter, Termindruck und Überlastung der Kinder). Die Zahl der Ratgeberliteratur für Familien und Kindererziehung ist schier endlos. 

2. „De - Instutionalisierung“ der Ehe“: 

Viele Paare entscheiden sich gegen Kinder und Mutterschaft ist kein Zwang in der Frauenbiografie mehr. Oft wird die Frage pro und contra Kind allerdings als gewisser sozialer Druck erlebt. Die Ehe – oder besser die Partnerschaft - ist jetzt eher „bezie-hungsorientiert“ statt „aufgabenorientiert.“ 

Es gibt einen Anstieg des Heiratsalters. Die Scheidungsraten haben sich seit 1960 verdreifacht. Das Alter beim 1. Kind steigt stetig, der Anteil der nicht-ehelich Gebo-renen und auch die Anzahl der Einzelkinder nehmen zu. Ebenso gilt dies für die An-zahl der Alleinerziehenden. Nichteheliche Partnerschaften und Patchworkfamilien sind „normal“. Neu ist die Anerkennung der sog. „Regenbogenfamilien“ (wenn auch noch nicht in allen Gesetzen). Die Wohnformen variieren – der Wunsch nach Mehr-generation-Wohnprojekten verbreitet sich – vor allem im Milieu der bürgerlichen Mittelschicht. 

3. Digitale Medien und Soziale Netzwerke verändern Kommunikation auch in den Familien 

Die Welt kommt in die Familien, denn Konsum und Arbeit ist vom Wohnort aus mög-lich. Smartphone und Internet verändern auch Kommunikation zwischen den Eltern untereinander und mit den Kindern. Familienleben findet immer öfter multilokal und virtuell statt – z.B. Familienkonferenzen per skype. Das ermöglicht auch ferner leben-den Familienangehörigen z.B. den Großeltern ein neue Nähe und Teilhabe - gleich-zeitig bleibt aber die ständige Aufgabe – neben dem elektronischen Kontakt - auch noch genug Zeit zu finden für die „face to face“ Begegnung. 

Kinder und Jugendliche haben oft mehr Kompetenzen in den digitalen Medien als Eltern (oder gar Großeltern) und leben in verschiedenen Kontaktwelten. Die Auswir-kungen dieser steigenden digitalen Kommunikation sind spürbar, auch die Konflikte z.B. in der Frage der Nutzung des smartphones oder der Spielkonsole – aber die Lang-zeitwirkungen noch nicht absehbar. 

Ebenso werden die Möglichkeiten der Elektronik die gesamte Haushaltsführung ein-schneidend verändern. 

4. Multikulturelle „bunte“ Familie sind keine Ausnahmen mehr sondern nehmen in der Einwanderungsgesellschaft der Gegenwart ständig zu. 

2013 war jede 8. Ehe eine von oder mit einem oder einer Ausländer/in. 1960 war dies nur jede 25. Ehe. Damit einher geht die Zunahme von multi-kulturellen Identitä-ten – (z.B. Afro-Deutsch). Es sind damit ganz neue Anforderungen an die Partner-schaften und das Familienleben insgesamt gestellt. In den interkulturellen Familien prallen die Kulturen verschiedener Herkunftsländer aufeinander. Es geht um die prak-tischen Fragen der Kindererziehung, der Ernährung und natürlich auch um die Rollen-bilder von Frau und Mann. 

… also um es mit den Worten des Filmtitels zu sagen: „Das Leben der Familien ist eine Baustelle“: 

 

1990 – 2017
Familienbildung – Angebote für verschiedene Lebenssituationen 

Hier ist das Heft von 1991. Zitat aus dem Vorwort: „ Die Familienbildungsstätte gibt Menschen Gelegenheit, Lebenskreise und Lebensperspektiven zu erweitern, ins Ge-spräch zu kommen über Alltags-, Lebens- und Glaubensfragen, Vertrauen zu erleben, Begleitung in verschiedenen Lebensabschnitten zu finden, sowie Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Person, die Familie, Gesellschaft und die Natur.“ Von 1990 – 1998 steht dieses Vorwort in den Heften. 

Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien, unverheiratete Eltern, gleichgeschlechtliche Paare: der veränderte Familienbegriff wird aufgenommen: Es werden nicht mehr Per-sonengruppen angesprochen (Mütter, Väter, Großeltern), sondern Lebenssituatio-nen. In unseren Inhaltsverzeichnissen heute finden Sie die Rubriken „Wir erwarten ein Kind, Leben mit dem Baby oder Eltern und Kinder gemeinsam“. 

1997 wurde Jubiläum gefeiert - das 30., auch hier in St. Johannis. Etliche von Ihnen waren dabei. Sie, Herr Stuhlmann, haben für das Bezirksamt gesprochen. Motto der Feier war: „Alles ist in Bewegung – Familien im Umbruch“ Genau so könnte die Feier heute auch heißen. 

Die Familienbildung als Einrichtung war sehr im Umbruch Ende der 90er. Die Zeit war geprägt von Sparmaßnahmen und Umstrukturierung. Zwei Jahre lang gab es in Har-burg ein gemeinsames Werk mit Familienbildung, Frauenwerk und Jugend. Jedoch traten die erhofften Synergieeffekte nicht ein. Das gemeinsame Werk wurde wieder aufgelöst. Als die Hebamme Frau Kolmsee nach 19 Jahren in Rente ging, wurde diese Stelle gestrichen. Es entstanden neue Kooperationen im Sozialraum, Stadtteil-Projekte wurden entwickelt. Die Evangelische Familienbildung gründete zusammen mit dem Margaretenhort das Netzwerk Frühe Hilfen Heimfeld. Im Treffpunkthaus bieten wir bis heute kostenlose Veranstaltungen für Eltern an. 

Das Projekt wellcome entstand 2002 in der Familienbildung Niendorf. Ehrenamtliche besuchen Familien nach der Geburt eines Babys und entlasten die Eltern. 2004 konn-te bei uns in Harburg ein Standort gegründet werden. Die erste Koordinatorin war Birgitta Maaßen. Zur Finanzierung hat sie das Entenrennen auf der Außenmühle ins Leben gerufen. Heute organisiert der Rotary-Club Harburg jedes Jahr das Entenren-nen und finanziert so das Jahresbudget für unseren wellcome-Standort. 

2009 fusionierten die Kirchenkreise. Harburg gehört seitdem zum Kirchenkreis Ham-burg-Ost. Parallel dazu entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit über die Kir-chenkreisgrenzen hinweg. Alle Familienbildungen beider Kirchenkreise: also KK HH-Ost und KK-HH-West Südholstein bilden seitdem einen Verbund. Dazu gehören die gemeinsame Internetseite und das gemeinsame Design der Programmhefte. Der Na-me wurde wieder geändert: Von Ev. Familienbildungsstätte hin zu Evangelischer Fa-milienbildung. Das Wort „Evangelisch“ wird seitdem ausgeschrieben, das Wort „Stät-te“ wurde gestrichen. Damit wird deutlich, dass Bildungsarbeit für Familien nicht an einen Ort (eine Stätte) festgelegt ist, sondern auch in anderen Räumen stattfinden kann. 

Außerdem wurde ein gemeinsames Logo entwickelt: ein Schmetterling - das Symbol für Veränderung. Zuerst die Larve, dann Puppe bis zum Falter, der fliegen kann. Diese stetige Entwicklung ist ein schönes Symbol für menschliche Entwicklung vom Baby im Bauch der Mutter, zum Neugeborenen, einige Monate später kann das Kind krabbeln, dann laufen und fängt an zu sprechen. Auch Erwachsene entwickeln und verändern sich ständig. Wir haben Eltern gefragt, wie es für sie ist, Mutter oder Vater zu sein. Einige antworteten: Jeden Tag neue Herausforderungen erleben, ständig was Neues lernen, sich selber in der neuen Rolle entdecken. Wir haben in verschiedene Gruppen Leinwände mit Überschriften gegeben. Sie wurden beschriftet und hängen hier. Schauen Sie sich die Eindrücke nachher gern an. 

Hinter unserem Schmetterling steckt noch eine Überraschung: Wenn Sie den Schmet-terling drehen, erkennen Sie ein Kreuz. Der Glaube an Gott, der seine schützende Hand über uns hält, der möchte, dass wir uns entwickeln und verändern, steht hinter unserer täglichen Arbeit und hinter jeder Familie. Das trägt und stärkt uns. 

2011 wurde Edeltraud Swoboda in den Ruhestand verabschiedet, nach 31 Jahren. Seitdem bin ich die Leiterin, mit dem Novum, dass es eine Teilzeitstelle ist. Diese Ent-scheidung ist erstens sehr familienfreundlich und zweitens wurde dadurch möglich, dass wir eine weitere Mitarbeiterin einstellen konnten: Eine Ökotrophologin, die die Veranstaltungen rund um Gesundheit und Kreatives organisiert. 

Damit sind wir von unserer Zeitreise zurückgekehrt in die Gegenwart. Das sind die Hauptamtlichen. Wir sind zu viert: Frau Beetz und Frau Bartels in der Verwaltung, Johanna Wiegard ist die Ökotrophologin. Wir arbeiten alle in Teilzeit, haben zusam-men 2 Vollzeitstellen. Insgesamt haben wir 500 Veranstaltungen pro Jahr mit insge-samt 5500 Anmeldungen jährlich. Pro Woche sind 600-700 Menschen bei uns. 

Zum Schluss möchte ich Ihnen 3 Schwerpunkte aus der Bildungsarbeit heute vorstel-len: 

1. DELFI: Das sind Gruppen für Eltern mit Säuglingen. Schon mit 6 Wochen alten Babys kommen die Eltern zu uns. Viele Mütter fühlen sich einsam, wenn sie den ganzen Tag allein mit ihrem Baby zu Hause sind. Die Familienpsychologen sprechen von einer doppelten Reduktion: Eltern fühlen sich reduziert auf die Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse. Alle anderen Aktivitäten und die Paarbeziehung werden auf ein Minimum reduzieren - doppelte Reduktion. Be

rufliche Kontakte verschwinden für die Mutter aus dem Alltag. Die Väter stei-gern in der Regel ihren beruflichen Einsatz, sobald ein Kind im Haus ist. Daher sind sie zu Hause kaum präsent und leiden selber unter diesem Widerspruch. Die Evangelische Familienbildung in Celle hat Mitte der 90erJahre das Konzept DELFI® entwickelt. In Harburg haben wir 15 DELFI-Gruppen je Woche, die meisten im Haus, einige auswärts. Auch samstags finden Babygruppen statt, damit die Väter zusammen mit ihrem Kind eine intensive Zeit haben. 

2. Angebote für Eltern am Wochenende und Nachmittag. 2014 wurde in Ham-burg der kostenlosen KiTa-Gutscheins für einjährige Kinder eingeführt – eine große Errungenschaft und eine Erleichterung für alle Eltern. Knapp 80% der 2jährigen Kinder in Hamburg werden inzwischen in einer KiTa oder Tagespfle-ge betreut. Für die Familienbildung war das in den letzten Jahren eine große Umstellung. Eltern mit einjährigen Kindern kommen kaum noch am Vormittag zu den Gruppe. Jetzt gibt es einen großen Bedarf, sich nach der Arbeit bzw. der KiTa gemeinsam mit anderen Familien zu treffen. An den Nachmittagen haben wir jede Woche 13 Kurse. An den Samstagen finden weitere 3 Gruppen statt, z.B. jeden Samstag 10-12 Uhr im Wald. 

3. Unser dritter Schwerpunkt ist die Integration von geflüchteten Familien. Seit 2016 bieten wir in Erstaufnahmen Sportkurse an und Veranstaltungen für Fa-milien. Seit diesem Jahr gibt es ein monatliches Kochprojekt. Familien aus ver-schiedenen Ländern kommen zu uns, tauschen Rezepte, sprechen über die Heimat, kochen und essen zusammen. Deutsche kommen dazu und es entste-hen Kontakte. 

Einige der Geflüchteten möchten an unseren regulären Kursen teilnehmen und wissen nicht, wie sie die Gebühr zahlen sollen. Auch unsere ermäßigte Gebühr ist manchmal noch zu viel. Wir freuen uns sehr, dass einige von Ihnen gespen-det haben anlässlich des Jubiläums. Mit diesem Geld können wir dann die Teil-nahme finanzieren. 

Wir sind am Schluss unseres Vortrages angekommen. Wir haben 3 Zeitab-schnitte unterschieden: bis 1970 gab es die Mütterschule mit Angeboten für Frauen, von 1970-1990 gab es in Familienbildungsstätten Angebote für die ganze Familie, heute veranstaltet die Familienbildung Angebote für verschie-dene Lebenssituationen. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bedan-ken bei allen, die die bisherige Arbeit für Familien ermöglicht haben und bis heute ermöglichen. Zusammen können wir eine gute Lobby für Familien sein und weiterhin eine wichtige und große Einrichtung für den ganzen Bezirk.